Tell me I’m manly, tell me I’m pretty

Einsamkeit bringt mich dazu seltsame Sachen zu tun. Manchmal hänge ich ewig auf Dating-Plattformen rum und schreibe ziellos mit fremden Leuten, die mich im Grunde nicht interessieren, um bei losen Abmachungen sich irgendwann unverbindlich zu treffen, hängen zu bleiben, die ich bis auf sehr wenige einzelne alle absagen oder anderweitig nicht wahrnehmen werde. Ich scrolle lange durch Instagram und schaue mir die dargestellten Körper an. Da gibt es wenig bis keine informative oder visuelle Neuigkeit zu erfahren, aber die dargestellte Fleischbeschau hat etwas süchtig Machendes. Und der Algorithmus sorgt dafür, dass das Heroin des homosexuellen Mannes unendlich verfügbar und dementsprechend scheinbar billig ist. Aber der Preis, den man bezahlt, ist schmerzhaft. Das schwarze Loch vor dem Bett wird zu einem Graben im Herz und zu einem Strudel aus Selbstmissachtung und tiefsitzendem Zweifel. Und mit jedem Einloggen auf Grindr, Romeo und Scruff, mit jedem weiteren Scroll auf sozialen Medien und jedem Blick auf den surrealen Körperkult männlicher Modelle verkommt die Inspiration und Motivation zum Selbsterhaltungstrieb einer Maschinerie, die sich zwischen kommerzieller Fotografie und Pornografie im Grunde nur als Wichsvorlage bezeichnen lässt. tour of the museum. Ideal for schools and events.
Die scheinbar umfängliche Verfügbarkeit des männlichen Körpers hat diesen auf ähnliche Weise zum Objekt degradiert, wie es der weibliche Körper schon lange ist. Ob das nun die Gleichberechtigung ist,

von der alle sprechen oder ob das Patriarchat dem Weiblichen nicht mal die Nische der sexuellen Objektifizierung gelassen hat, ist fraglich. Fakt ist aber, dass die Absurdität des weiblichen Körpers als Werbeträger für verschiedenste Produkte in aller Munde ist, während die Surrealität des männlichen Körpers als in sozialen Medien und Werbung benutzen Objektes zwar in psychologischen Studien durchaus verhandelt wird, im allgemeinen Bewusstsein aber kaum angekommen ist. Es lässt sich sicher argumentieren, dass die Darstellung schlicht ästhetisch sei oder dass man mit dicken Körpern keinen gesunden Lifestyle propagiert und keine Produkte verkauft. Und weil das Bild des männlichen Körpers so fest eingebrannt ist in das Bewusstsein, vergisst man schnell, dass es keinen allgemeingültigen Standard gibt, nachdem etwas als ästhetisch oder unästhetisch beziehungsweise schön und hässlich beurteilt werden kann. Und auch, dass das Bild von Schön und Hässlich über die Zeit einem steten Wandel unterworfen ist. Dabei bleibt dann auf der Strecke, dass die Rezipienten und Produzenten von künstlerischen Auseinandersetzungen – genauso aber von Alltagskommunikation – das Maß des ästhetisch akzeptablen in der Hand haben. Von diesem Standpunkt stellt sich mir dann die Frage, warum ein Großteil der Menschen sich keine Körper abseits der zur Perfektion trainierten betrachten zu wollen scheint.  
Auf Instagram gibt es eine „Question and Answer“ Funktion. Da können also Follower Fragen stellen und der Gefragte kann dann die Frage anonym posten und entweder mit

Text oder im Video mit Ton darauf antworten. Ich habe keine Studie angestellt, aber ich würde sagen, je heißer – das heißt je näher am Idealbild des männlichen Körpers, sprich je klassisch maskuliner – desto öfter taucht die Frage nach Penisgröße, sexueller Orientierung und anderen sexuellen Präferenzen auf. Offen homosexuelle Männer gehen tendenziell entspannt damit um, weil das der Art der Kommunikation auf schwulen Dating-Portalen entspricht. Häufig aber reagieren Influencer oder Modelle da eher in einer Weise, die man als Mischung aus Empörung, Unverständnis und Belustigung einordnen könnte. Diese halb empörten Reaktionen haben mich immer ein bisschen gewundert. Nicht weil ich es legitim finde, mir unbekannten Menschen dergleichen Fragen zu stellen. Mir selbst ist schleierhaft, wie man zu solch grenzüberschreitendem Verhalten kommt. Aber medial machen diese Fragen im Grunde Sinn. Wenn man sich die ganze Zeit quasi nackt und mit der ganzen Körperlichkeit verfügbar darstellt, dann ist auch klar, dass die Lebensrealität des Körpers – also das Vorhandensein von Gefühlen, sozialem Umfeld und Privatleben – für Außenstehende nicht mehr greifbar ist. Weil der Körper eben in einem Dauerfeuer von Nacktheit und Verfügbarkeit zum Objekt der Begierde in einsamen Stunden und zur Wichsfantasie to go auf dem Handy degradiert wird, ist die Assoziation mit Pornografie und die damit verbundene Grobheit von Sprache und Loslösung von sozialem Standard eben – zumindest für mich – auch nicht wirklich verwunderlich. 

Die Skulpturalität des männlichen trainierten Körpers ist medial zum Go-For geworden. Und dabei übt das Dauerfeuer des Algorithmus einen unfassbaren Druck aus. Perfekt zu sein, den richtigen Körper mit der richtigen Menge von Haaren an der richtigen Stelle zu haben. Ich beispielsweise habe Haare am Rücken, am Bauch, an den Armen, dem Po und den Beinen. Rasieren bringt eigentlich nur am Kopf etwas, weil das die Stelle am Körper ist, in der der Testosteronspiegel biologisch für weniger Haare sorgt. Und auch wenn ich viel Sport mache, wahrscheinlich mehr als der Bundesdurchschnitt, sieht mein Körper eben normal aus. Man sieht, dass ich Sport mache, ich habe ein bisschen Bizeps und Trizeps und auch ein bisschen eine trainierte Brust, aber eben auch als „love handels“ bezeichnete Fettpolster an den Hüften. Die waren schon kleiner als heute, aber auch schon viel größer. Mein Körper ist sehr weit entfernt davon perfekt zu sein. Aber es ist nunmal mein Körper. Und ohne jede Ironie finde ich, dass mein Körper – so wie er ist – schön ist. Weil es im Grunde auch nicht darauf ankommt, ob er perfekt ist. 
Ich glaube, dass der mediale Körper und der reale Körper zwei verschiedene Dinge sind. Der mediale Körper ist ein Objekt, den man nach modisch und nicht-modisch beurteilen kann, beziehungsweise danach, ob er dem propagierten Narrativ dessen entsprich, was als ästhetisch ansprechend angesehen wird. Der reale Körper hingegen ist Teil eines Subjektes und als solcher über die Frage nach schön und hässlich, nach modisch und nicht-modisch oder perfekt und imperfekt erhaben. Natürlich kann man aus medizinischer Sicht hinterfragen, ob ein stark übergewichtiger Körper gesund ist, aber die wenigsten Menschen sind Ärzte und die Antwort auf diese Frage ist viel komplexer als ein Einfaches ja oder nein. Ich persönlich treibe regelmäßig Sport und fahre, wenn es möglich ist mit dem Fahrrad. Trotzdem bin ich nicht schlank. Wenn ich eine Tafel Schokolade anschaue, habe ich schon zugenommen und ich habe immer noch einige Kilos aus meiner sehr übergewichtigen Jugend auf den Hüften.

Ist mein Körper jetzt hässlich und ungesund, weil er nicht einem gewissen ästhetischen Standard entspricht? Menschen sind keine Statuen, aber verhandelt wird der männliche Körper oft als solche, obwohl das Bewerten überhaupt, besonders aber das Bewerten nach den Standards von Bodybuildern und Berufssportlern bzw. antiken Statuen eigentlich ziemlich krank ist. 
Wenn ich auf Instagram, der Werbung oder auch in der Pornografie die Körper der Männer betrachte, dann drängt sich durch die Digitalität und die scheinbare Frische der Dynamik, die im starken Kontrast zu Statuen und dem Posieren von beispielsweise Bodybuildern steht, der Gedanke auf, all das wäre frisch und neu. Aber das ist es ja überhaupt nicht. Von antiken Statuen über das Männlichkeitsbild des Nationalsozialismus und über die skulpturale Fotografie der 50er Jahre bis zum zeitgenössischen Instagram- und Werbelook taucht das immergleiche Bild des männlichen Körpers in Wiederholung von Varianten seit über 2000 Jahren auf. Instagram zeigt mir jeden Tag mehr Nippel, nackte Haut, Po- und Schamhaaransätze von traumhaft schönen Männern als es die Sittenpolizei erlaubt, Im Porno gibt es zwar für jeden Fetisch eine Kategorie, aber die Auslebung der Sexualität folgt trotzdem (egal ob hetero oder homo) den tradierten Rollen des aktiven körperlich Überlegenen und des passiven Unterlegenen und in der Werbung schämt sich offensichtlich niemand dafür das immer gleiche Bild noch weiter zu betonieren. Aus meiner Perspektive hängt das auch zusammen mit dem traditionellen Bild des Mannes als stark und körperlich überlegen, dem im Bild ein Ausdruck durch Pose, Haltung und starke Muskeln verliehen wurde. Ist dann die Attraktivität des Männlichen mit dem Zurschaustellen von Überlegenheit verbunden? Und wenn ja, was ist dann mit Augenhöhe und Gleichberechtigung? Da stellt sich mir die Frage, was das mit mir als Person überhaupt zu tun hat?

Mein Interesse an körperlicher Überlegenheit anderen gegenüber ist gelinde gesagt begrenzt, von emotionaler Überlegenheit ganz zu schweigen. Was mache ich also mit einem Bild des männlichen Körpers, das mit meiner Lebensrealität nichts zu tun hat? In guten Momenten hänge ich nicht in einem Strudel von Likes und Clicks fest, sondern frage mich ganz ernsthaft, was das ganze objekthafte Fleisch mir sagen will? Dass es schön ist? Dass es männlich ist? Dass es gemocht werden will? Wenn ich nachts im Bett liege – der Moment kurz vor dem Einschlafen, dann wenn die Gedanken voll sind von den Erlebnissen des Tages und überschweifen zu den Notwendigkeiten des nächsten Tages – dann frage ich mich, was mir helfen würde, mich mit meinem Körper zufriedener zu fühlen. 
Eine Studie des RKI untersucht den Zusammenhang zwischen traditionellen Rollenbildern des männlichen und weiblichen mit der Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper im Jugendalter. Ein Zwischenergebnis dabei war, dass Jugendliche mit traditionellem Rollenbild eher unzufrieden mit ihrem Körper sind. Dabei bezieht sich sich die Studie auf die traditionelle Rolle des Männlichen als stark und körperlich überlegen. Es gibt also Indizien dafür, dass genau dieses Rollenbild für Unzufriedenheit – ergo in der Folge möglicherweise zu psychischen Problemen – führt, aber medial wird das immergleiche Bild des männlichen Körpers zementiert. Und plötzlich sehe ich auf Instagram in einer Story – in einer eben jener „Question und Answer“ Situationen – die Frage eines Followers, ob der hippe Fitfluencer mit seiner gegenwärtigen körperlichen Form zufrieden sei. Die Antwort darauf war ein kurzes und knappes und ansonsten weiterhin unkommentiertes „nein“, gepostet auf einem sehr skulpturalen Foto des eigenen Körpers. Das hat mich stutzen lassen. Wenn also das exzessive Trainieren und die Selbstkasteiung mwit trockenem Reis, Brokkoli und Putenbrust nicht hilft die Zufriedenheit zu erhöhen, dann sind andere Lösungsansätze wahrscheinlich zielführender.